Gedicht des Jahres 2026

Wer den Poesieweg Bad Urach begeht, wandert nicht nur durch eine beeindruckende Landschaft, sondern taucht zugleich in eine Welt aus Worten und Klängen ein. Auf rund vier Kilometern verbinden sich Natur und Literatur zu einem sinnlichen Erlebnis – an 20 Stationen, an denen Dichterinnen und Dichter ihre Gedanken der Alblandschaft anvertrauen. Namen wie Eduard Mörike, Gustav Schwab oder Johannes R. Becher säumen diesen lyrischen Pfad – und nun auch ein neues, zeitgenössisches Werk.

Im Rahmen eines Gedichtwettbewerbs wurde das „Urach Gedicht 2026“ gekürt, das nun für ein Jahr ebenfalls Teil des Weges ist. Das Preisgericht setzte sich zusammen aus Ingeborg Nägelsbach (Münsingen) und Christoph B. Ströhle (Reutlingen). Als Gewinnerin ging Marion Nagler-Long aus Bad Urach hervor. Ihr Gedicht mit dem Titel "Frühschwimmen im Höhenfreibad“ wurde von der Jury zum Urach Gedicht 2026 gekürt.

Die anderen ausgewählten Gedichte stammen von:

·         „Erms im Augenblick“ von Ralf Failenschmid aus Bad Urach

·         „Urach“ von Claudia Furrer-Brenner aus Reutlingen

Einen Anerkennungspreis erhielt zudem Hans-Martin Jäger für sein Gedicht „Besuch in Urach (200 Jahre später)“.

 

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1. Platz: "Frühschwimmen im Höhenfreibad“ von Marion Nagler-Long

Stille Wasseroberfläche
Lautlos tanzender Wasserdampf im erwachenden Morgenlicht
Natur um mich
Ruine und Wald, zögernde Sonne, helle Wolken
mich umhüllend wie ein weiter Mantel
den ich ablege mit jeder Stufe.

 

Dann umgibt mich das Wasser
kühl fröstelnd
schnell schwimmend die ersten Züge.
Mein Herzschlag beruhigt sich.
Ich spüre den Rhythmus
sich ankündigend wie ein treuer Freund.

 

Luft holen
Einatmen
Eintauchen
Blaue Stille

Die Stille des Wartens, des Anhaltens
Die Stille des Aufnehmens, der Dankbarkeit
Die Stille des Ruhigwerdens, des Hinnehmens
Die Welt ist fern.

 

Und dann ausatmen
Luftblasen in sprudelnder Lebendigkeit
Auftauchen
Rückkehr von Lärm und von Leben
Rückkehr von Formen und Farben
Rückkehr von Hören und Sehen
Die Welt ist nah.

 

Einatmen – Ausatmen
Rhythmus des Lebens.

 

2. Platz: „Erms im Augenblick“ von Ralf Failenschmid

Am grünen Weg in Ruhe

 

-Stille-

 

Und es weht ein Lüftlein lau
Zart Sonnengelb küsst Wiesengrün
In der Mitte
schillert klares Blau

 

An Waldes Wipfeln, hoch am Trauf
Die Sonne wärmt die nackten Felsen
Der Bussard schwingt sich lautlos auf

 

Bruder Wind, er haucht und wispert
Halme wiegen sich zur Melodie
Lausch‘ was er mir singt und flüstert

 

Mein Blick schweift aus –

-Er bleibt haften-

 

auf den Wellen
wo feine Gischt
schleift rauen Stein

 

Seit Jahrtausend
gräbt sich Wasser
in die Tuffsteinmulde ein

 

Die schöne Erms
so schlangengleich
windet sich
weit in ihrem Tal

 

Und zugleich
als wär es morgen
war es auch
schon dazumal

 

3. Platz:  „Urach“ von Claudia Furrer-Brenner

Du empfängst mich freundlich.
Deine sprudelnden Quellen,
deine kraftvoll stürzenden und lieblich plätschernden Bäche
erfrischen mich
und erneuern meine Kräfte.

Deine sanften Täler schenken mir Ruhe.
Deine mächtigen Felsen
beschützen mich wie eine Mutter.
Hier bin ich geborgen
und atme Leben ein.

 

Anerkennungspreis: „Besuch in Urach (200 Jahre später)“ von Hans-Martin Jäger

Zu Urach fällt mir wenig ein,
schon gar nicht ein Gedicht,
ein Loblied kann mal richtig sein,
doch manches Mal auch nicht.

 

Soll ich die leeren Lädenflächen,
die Urachs Innenstadt verzieren,
und kaum urbanes Flair versprechen,
mit Dichterworten kommentieren?

 

Wer mangels Fachgeschäft sich jetzt
entschlösse, online einzukaufen,
der kann sich gleich die Haare raufen,
denn oftmals hat er gar kein Netz.

 

Und soll der Dichter all die Staus,
die derzeit uns zum Wahnsinn treiben,
stadtein-stadtaus, tagein-tagaus,
mit reiner Poesie beschreiben?

 

Und denkst Du jetzt, Du gehst per pedes
zur Grafensteige ohne Groll:
Bedenk: Nicht ohne Müllsack geht es:
Erst ist er leer, dann ist er voll.

 

Hier wird der Plastiksack zur Schlinge,
die Dich in lieblicher Betrachtung fängt,
und keine Kippe ist Dir so geringe,
daß nicht Dein Blick voll Wehmut an ihr hängt.

 

Au weia, das war jetzt geklaut,
der Mörike wär‘ nicht erbaut,
daß ich ihm seine Zeilen raube:
Ich mach mich lieber aus dem Staube.

Pressekontakt

Sissina Osorio-Lamorú

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit,
Online-Marketing

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